Schach-Debüt mit 45 – ein Erfahrungsbericht

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(c) Pixar

Vor kurzem gab ich in der 5. Mannschaft des SK Kelheim mein Schach-Debüt; mit 45 Jahren, ohne DWZ und ohne einen Tag echtes Training. Ein kleiner (nicht ganz ernst gemeinter) Erfahrungsbericht, wie es dazu kam. 😉

Die Schachregeln, also welche Figur wie ziehen darf, habe ich als Kind natürlich irgendwie mitbekommen. Aber nur weil man Schach spielen kann, kann man ja noch lange nicht schachspielen! In einem Anflug von Selbstüberschätzung habe ich in unregelmäßigen Abständen mal eines meiner Kids – alle mehr oder weniger lange aktiv beim SKK – zu einem Duell am Brett herausgefordert. Sehr „erbaulich“, wenn Dir Dein seinerzeit siebenjähriger Sohn schon nach wenigen Zügen voller Mitleid entgegenblickt und Du ein entschuldigendes „Papa, Du tust mir so leid!“ vernimmst. Noch schockierender, wenn Du in dem Moment noch gar nicht erkennst, warum eigentlich!

Hier war also der Ausgangspunkt dieser kleinen Reise. Meine „Dienste“ am Schachklub beschränkten sich bis dahin darauf, den Nachwuchs zu seinen Einsätzen zu karren und darauf zu achten, dass ich möglichst auch die richtigen wieder mit heimbringe. Nun kam es allerdings in letzter Zeit häufiger vor, dass die Kids in Erwachsenen-Mannschaften aushalfen, da insbesondere in den unteren Klassen Spieler fehlen. Hier zieht auch Corona in allen Facetten seine Kreise, denn absolut gesehen hätte der SK Kelheim natürlich weit mehr als genug Spieler. Bei der Warterei vor Ort reifte in mir der Gedanke, mich auf die Liste der Spieler setzen zu lassen. Wenn ich als Chauffeur sowieso untätig vor Ort bin, kann ich mich im Notfall auch hinsetzen und den Schachspieler mimen. Kaputtmachen kann ich ja nichts, da ein leeres Brett sowieso verloren ist. Aber so bleibt wenigstens kein Brett frei, der gegnerische Spieler muss sich nicht ärgern, dass er am Sonntag früh umsonst aufgestanden ist und mögliche Strafen – keine Ahnung ob es sowas gibt in den unteren Ligen – bleiben dem Verein auch erspart.

Aber so einfach ist es dann doch nicht mit mir. In einem früheren Leben (und einer anderen Disziplin) war ich lange wettkampfmäßig unterwegs, zudem einige Jahre selbst Trainer einer „Leistungsgruppe“. Einfach nur hinsetzen und sich ambitionslos ausnehmen lassen wie eine Weihnachtsgans, das liegt mir eher nicht. Daher musste ich auf die Schnelle irgendetwas tun, um nicht völlig wehrlos zu sein je näher der mögliche Tag X rückte. Ein Plan musste her! Ich brauchte eine Eröffnung, mit der ich mich wohlfühle, um vernünftig in die Partie zu kommen. Das schottische Gambit mit der Option Max-Lange-Angriff hatte es mir irgendwie angetan und so spielte ich an verregneten Sonntagen diese Eröffnung in einer Endlosschleife gegen den Computer, um möglichst viele Fallen und Varianten mal auf dem Brett gehabt zu haben. Ob man sich dann noch daran erinnert, wenn’s real wird, ist natürlich die andere Frage.

Alternativ legte ich mir noch eine zweite Eröffnung zurecht, eine völlig abseitige, die seit bestimmt 100 Jahren nicht mehr gespielt wird und objektiv gesehen auch von keiner Engine als wirklich gut bewertet wird, die allerdings – so meine Hoffnung – eine gehörige Prise Überraschungseffekt bereithält. Die wollte ich auspacken für den Fall, dass ich gegen einen gut trainierten Jugendspieler ran muss, wo ich nominell eh keine Chance habe, aber die Möglichkeit besteht, dass er/sie diese irre Eröffnung noch nie gesehen hat und vielleicht aus dem Konzept kommt.

Das waren die beiden Crashkurse, die ich mir auferlegt hatte und ich konnte nur hoffen, dass ich mit Weiß eröffnen darf, denn mir auch noch mit Schwarz auf die Schnelle etwas zusammen zu stricken, dazu kam ich schlichtweg nicht mehr, als Anfang März plötzlich die 5. Mannschaft anklopfte, weil sie gegen Tegernheim III bis dato – Corona lässt abermals grüßen – nur zwei Leute beisammen hatten.

Natürlich war ich neugierig und aufgeregt zugleich, schließlich hatte ich bisher ja noch nicht einmal eine Partie mit aufschreiben gespielt. In Tegernheim angekommen, wurde meine Hoffnung, gegen einen in jedem Fall besseren aber eventuell noch unerfahrenen Jugendspieler meine abwegige Eröffnung auspacken zu können, schnell zunichte gemacht. Die werte Agnes Fischer wartete auf mich, langjährige Jugendtrainerin des SF Tegernheim und der SchachAg der örtlichen Schule. Super, und das bei meiner ersten Partie! Einer derart erfahrenen Spielerin brauchte ich mit sowas natürlich nicht zu kommen, die hat sicher schon alles mal gesehen was es so gibt, daher spielte ich – zum Glück mit Weiß – meine einzige Haupteröffnung.

Interessanterweise war die Nervosität nach ein paar Zügen wie weggeblasen und auch das Aufschreiben ging leichter von der Hand als ich erwartet hatte. Zwar guckte ich bereits nach 3 Zügen dumm aus der Wäsche, als Frau Fischer das Gambit ablehnte – in 50 Testspielen gegen den Computer war das nicht ein einziges Mal auf dem Brett – aber ich kam dennoch unerwartet gut aus der Eröffnung und stand – wie ich im Nachhinein am Analysebrett von meinen Kindern erklärt bekam – sogar leicht besser zu Beginn.

Aber dann ging es nach und nach bergab. Das Gefühl dafür, wann man decken oder doch besser gleich herausschlagen sollte, fehlt mir noch völlig. Und wie nach diversen Testpartien zu erwarten, wo ich nach brauchbaren Eröffnungen irgendwann etwas übersehe und dann einstelle – am besten einzügig – kam auch hier dieser Moment: Im 20. Zug wurde mein Turm bedroht. Das sah ich überraschenderweise sogar. Dann jedoch entdeckte ich, dass auch mein a-Bauer doppelt angegriffen ist und auf dieser Linie ein gegnerischer Angriff hereinbrechen könnte. Ich überlegte also 10 Minuten lang, wie ich gleichzeitig alle Baustellen bedienen könnte… und vergaß am Ende meinen angegriffenen Turm?!?!

Eine Millisekunde, nachdem ich die Figur losgelassen hatte, fiel es mir wieder ein, aber da war’s natürlich zu spät. Da tröstete mich der beinahe entschuldigende Blick meiner Gegnerin auch nicht, die scheinbar kurz überlegte, ob sie mich mit diesem offensichtlichen Patzer nachsichtig davonkommen lassen sollte. Aber selbstredend nahm sie den Turm, nachdem ich ihr sicherheitshalber mit einem Handstreich angedeutet hatte, dass ich ihn nicht geschenkt haben möchte. Spätestens an der Stelle war die Partie objektiv gesehen verloren.

Dennoch war ich ein wenig stolz darauf, dass ich gegen eine solche Schachlegende der Region noch bis Zug 35 kam und mit mehr als 2 Stunden Spielzeit am Ende sogar relativ lange durchgehalten hatte. In meinem Stadium sind es die kleinen Dinge, die Freude bereiten. Und so hatte ich am Ende trotz der Niederlage beim Debüt viel Spaß. Zwar werde ich mich auch weiterhin nicht regulär aufstellen lassen – es sollen doch bitte die „richtigen“ Schachspieler an die Bretter und falls sich Corona irgendwann wieder normalisiert, wird das auch hoffentlich nicht mehr nötig sein – aber wenn mal wieder Not am Mann ist und ich ohnehin als Chauffeur vor Ort herumgammle, bin ich da. Dann hoffentlich auch mit einer verrückten schwarzen Eröffnung in petto…