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Eindrücke von der Weltmeisterschaft 2026

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Die Jugend-Weltmeisterschaft im italienischen Montesilvano vom 14. bis 27. Juni 2026 war ein besonderes Highlight des Jahres!

Die deutsche Delegation (c) FIDE

Aufgrund des frühen Termins konnte der DSB die Qualifikation über die Deutsche Einzelmeisterschaft diesmal nicht abwarten und vergab die Startplätze anhand der bundesweit höchsten Elo-Zahlen. In der U16w gehörten mit Laura Sophie Bauer und Valentina Neumeier („Leni“) gleich zwei Nachwuchsspieler des SK Kelheim zu diesem erlesenen Kreis. Sie legten sich an der Adriaküste elf Runden lang mit den 107 weltweit besten Spielerinnen ihrer Altersklasse an.

Laura als Mitglied des Bundeskaders hatte ich natürlich auf dem Schirm. Den Artikel über die geänderten Zulassungskriterien hatte ich zwar ebenfalls gelesen, aber ich wäre nie im Traum darauf gekommen, ihn auf uns zu beziehen. Erst Nationalspielerin WGM Jana Schneider, die das Online-Training für die BSJ-Kadermädchen leitet, machte uns darauf aufmerksam. Sinngemäß: „Ihr wisst schon, dass Leni bei der WM startberechtigt ist?“

Das konnte man natürlich nicht einfach so beiseitewischen. Einmal im Leben eine Weltmeisterschaft spielen – wer weiß, ob diese Gelegenheit jemals wiederkommt. Allerdings galt es zunächst einige Hürden aus dem Weg zu räumen. Der Termin der WM umfasste zwei volle Wochen und fiel mitten in die bayerische Schulzeit. Hinzu kam, dass Leni sich für das DFEM-Kandidatinnenturnier qualifiziert hatte, das im Juli auf dem Schachgipfel in Dresden stattfindet und ebenfalls eine Woche Schulbefreiung erfordert. Also drei Wochen schulfrei innerhalb von zwei Monaten. Da war einiges an Überzeugungsarbeit und Goodwill der Schulleitung notwendig.

Die zweite Hürde waren die Kosten. Denn abgesehen von einigen wenigen Auserwählten mussten die WM-Teilnehmer des DSB ihre Teilnahme selbst finanzieren. Überschlägig gerechnet summierte sich das für uns auf rund 4.500 Euro. Diesen Betrag zusätzlich zu den regulären Turnieren, die ja trotzdem anstehen, einfach mal so aus dem Ärmel zu schütteln, war nicht drin. Also war Klinkenputzen angesagt, um diesen enormen Batzen wenigstens ein bisschen abzufedern.

Mit dem Ziel, zumindest die Fahrtkosten auf mehrere Schultern aufzuteilen, fuhren wir mit dem Auto an die Adriaküste und nahmen Laura gleich mit. So entfielen Flug- und Transferkosten vor Ort. Auf dem Rückweg hatten wir zudem Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler mit an Bord. Dank VPN und Remotedesktop-Diensten ist es für mich letztlich egal, von wo aus ich arbeite, solange ich nicht physisch an ein System muss. Aber was soll schon sein…? 😉 🙈 Und so machten wir uns in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni auf den langen Weg nach Montesilvano.

Rund 1.000 Kilometer, einen Tankstopp bei Verona und zwei Mautstationen ärmer erreichten wir nach 8:40 Stunden bereits unser Ziel. In der Nacht auf einen Sonntag loszufahren erwies sich verkehrstechnisch als Volltreffer. Dort wurden wir vom Bundestrainer in Empfang genommen. Da der 14. Juni ausschließlich für die Anreise vorgesehen war – was für viele auch notwendig war, die sich auf öffentliche Verkehrsmittel verließen; die letzten erreichten das Grand Hotel Adriatico erst nach Mitternacht – machten wir uns zunächst daran, die Umgebung zu erkunden.

Am Tag darauf, also am 15. Juni, ging es los, die erste Runde der Weltmeisterschaft stand an. Sowohl Laura als auch Leni waren im Mittelfeld gesetzt; die Spitze reichte bis „Women International Master“ (WIM) und Elo-Zahlen über 2300. Leni war allerdings exakt in der Mitte gesetzt. Damit war klar: In Runde eins würde sie entweder auf die Topgesetzten oder auf eine der Letztgesetzten ohne Elo-Zahl (=Wundertüten) treffen – je nachdem, ob alle Gemeldeten tatsächlich antraten. Es wurde mit Nummer zwei der Setzliste gleich ein ordentlicher Brocken: US-Champion WIM Rachael Li. Laura, die ein paar Plätze weiter vorne gesetzt war, bekam die Südafrikanerin Noreht Nieuwoudt (#94) zugelost.

Letzte Vorbesprechung der deutschen Delegation

Während Laura bereits ein alter Hase auf internationalem Parkett ist und schon mehrere Europa– und Weltmeisterschaften in den Knochen hatte, betrat Leni zum ersten Mal diese große Bühne. Und obwohl wir versuchten, jeden Druck von ihr fernzuhalten – „Du spielst zwar eine WM, aber nicht um die WM. Lass dich nicht verrückt machen und genieße einfach die Erfahrung“ – war Leni nervös. Der ganze Trubel, der riesige Turniersaal mit fast 800 Spielern, das Brimborium mit Ehrengästen aus der Politik, Nationalhymnen und die großen Namen aus aller Welt hinterließen ihre Spuren.

In Runde eins gegen die Nummer zwei der Setzliste war nichts zu holen und auch später im Turnier bekam Leni mit der amtierenden russischen Meisterin Diana Khafizova (unter FIDE-Flagge) noch eine zweite WIM vor die Nase gesetzt. Die spielen ein anderes Schach: völlig frei von Vorlieben oder Spielstilen ziehen sie scheinbar Zug für Zug den Top-Computer-Move – und verbrauchen dabei auch noch kaum Zeit.

Unglücklicher war da schon Runde 2. Dort wartete eine „normale“ Gegnerin (sofern man das auf einer WM so sagen kann), doch Leni fand, scheinbar noch immer vor Ehrfurcht erstarrt, überhaupt nicht in die Partie. Erst in Runde drei gegen die Taiwanerin Tansi Tung Wu platzte der Knoten. Da setzte sich die Erkenntnis durch, dass – abgesehen von den paar „Aliens“ ganz oben auf der Setzliste – letztlich alle anderen auch nur mit Wasser kochen.

Nicht nur Schach, auch Fußball verbindet

Mit dieser neu gewonnenen Leichtigkeit kamen nicht nur die Erfolge. Auch das Drumherum konnte Leni endlich genießen. Gemeinsam mit den DSB-Kadergirls wurde der Strand unsicher gemacht, zusammen Fußball geschaut und Freundschaften geknüpft, die über Kontinente hinausreichen.

Am Ende konnte sich Valentinas Bilanz durchaus sehen lassen: Vier Siege und drei Remis bei einer Weltmeisterschaft! Hätte man uns das vorher angeboten, hätten wir sofort gesagt: „Nehmen wir – no questions asked!“ Dass sie am Ende trotzdem etwas angefressen war, weil es „nur“ 5,5 Punkte geworden sind, ist ein gutes Zeichen. Mit etwas weniger Ehrfurcht in der ersten Turnierhälfte wäre tatsächlich noch mehr möglich gewesen. Gegen die beiden WIMs war kein Kraut gewachsen, in zwei weiteren Partien hingegen stand sie bereits auf Gewinn, ehe sie der Mut verließ.

So wurde es am Ende Rang 57 unter 107 Teilnehmerinnen in der U16w – punktgleich mit mehreren DSB-Kaderspielern oder besser. Eine starke Leistung. Auch ihre Elo-Performance lag ungefähr auf ihrem nominellen Niveau. Das ist bei internationalen Turnieren keineswegs selbstverständlich, da viele Nationen, die sich bei Turnieren im eigenen Land die aufwändige Elo-Auswertung sparen, mit deutlich unterbewerteten Spielern antreten.

Laura hingegen kann und wird mit dieser WM nicht zufrieden sein. Oder, wie der Bundestrainer treffend kommentierte: „Haste Sch*** am Schuh, haste Sch*** am Schuh!“ Nach dem Auftaktsieg gegen die #94 wollte einfach nichts mehr klappen. Erst in der Schlussphase gelang ihr mit drei Siegen am Stück zumindest noch etwas Ergebniskosmetik.

Da diese Punkte allerdings gegen niedriger eingestufte Gegnerinnen erzielt wurden, musste Laura am Ende ein schmerzhaftes Elo-Minus von -145 Punkten verkraften. Bitter, wenn man bedenkt, dass sie im Winter mit knapp 2100 Elo kurz vor dem WFM-Titel stand. Bleibt zu hoffen, dass sie gestärkt in die zweite Jahreshälfte geht und ihre spielerische Extraklasse endlich wieder zeigen kann!

Und so endete die Weltmeisterschaft nach 13 Tagen gefühlt mindestens eine Woche zu früh. Noch nie waren wir auf einem so langen Turnier – und trotzdem verging die Zeit wie im Flug. Auch wenn der WM-Titel knapp verpasst wurde 😉: Die Erfahrung, gegen Spitzenspielerinnen aus aller Welt anzutreten, der internationale Flair und die Freundschaften, die dort entstanden sind, kann den Mädchen niemand mehr nehmen.

Die SKK-Girls in DSB-Livree

Vor Turnierbeginn war ich mir nicht sicher, ob es richtig ist, diesen „Wahnsinn“ – der enorme Zeitaufwand, die exorbitanten Kosten und womöglich noch ordentlich auf die Mütze zu bekommen – überhaupt mitzumachen. Im Nachhinein war es goldrichtig. Es war ein einmaliges Erlebnis und als wir uns am 27. Juni wieder auf den Heimweg machten – tagsüber an einem Samstag mit über 11 Stunden weit weniger reibungslos – mischte sich eine gehörige Portion Wehmut in die Stimmung, dass es nun vorbei war. Aber: Davon können die Mädels irgendwann mal selbst ihren Enkelkindern noch voller Stolz erzählen.

Ein großer Dank gilt allen Unterstützern: der Hielscher-Stiftung, der Stanglmeier-Stiftung, den Stadtwerken Kelheim, der Kreissparkasse Kelheim, den Familien Brückl, Schindler, Bauer und Neumeier, sowie natürlich dem SK Kelheim. Ohne ihre Unterstützung wäre diese einmalige Erfahrung nicht möglich gewesen.

Ergebnisse bei Chess-Results / Livepartien bei Lichess / Fotoalbum der FIDE / Zwischenbericht der BSJ / Vorbericht des DSB

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