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Nun, wer könnte sich hinter diesem Namen verstecken? Wenn man
das Bild betrachtet, muss es wohl ein Schachspieler aus grauer Vor-
zeit gewesen sein. Aber leider ist er fast in Vergessenheit geraten, da
er ein äußerst tragisches Leben zu meistern hatte und es deshalb nie
ganz an die Weltspitze geschafft hat. Diese Zeilen sollen nun an ihn
erinnern.
Cecil de Vere wurde als Cecil Valentine Brown am 14.02.1845
(Valentinstag!) in Schottland geboren. Schon als Kind übersiedelte
seine Familie nach London, eine der damaligen Schachhochburgen
in Europa. So war es kein Wunder, dass der kleine Cecil vom starken
Clubspieler Francis Burden das Schachspielen erlernte. Die Lektio-
nen fanden im “Chess Divan” statt, einem berühmten Schachcafé in
London. Die Atmosphäre dort muss einfach unglaublich gewesen
sein, spielten hier doch regelmäßig viele englische und auswärtige Schachmeister. Dies hat wohl
auch de Vere beflügelt, denn seine Spielstärke wuchs sehr schnell an. Er freundete sich im Chess
Divan mit dem Meister George Alcock MacDonnell an, obwohl dieser 15 Jahre älter war. MacDonnell
förderte von nun an das Talent de Veres, bis dieser so stark war, dass sich mit ihm kaum jemand mehr
messen konnte.
Nun wollte es der Zufall, dass sich Wilhelm Steinitz, der erste offizielle Schachweltmeister, nach seinem
Sieg beim internationalen Turnier in London 1862 entschloss, von Österreich nach England zu über-
siedeln. MacDonnell setzte viel Vertrauen in seinen Schützling de Vere und verschaffte diesem kurz
nach Weihnachten 1865 einen Wettkampf gegen den schon sehr berühmten Steinitz. De Vere war hier
erst 19 Jahre alt und in der Schachwelt völlig unbekannt. Steinitz nahm deshalb den auf zwölf Partien
angesetzten Wettkampf nicht besonders ernst. Er gab darum de Vere in jeder Partie einen Bauern und
einen Zug vor, um das scheinbare Ungleichgewicht in der Spielstärke einigermaßen auszugleichen.
Doch diesen Hochmut sollte Steinitz bald bitter bereuen. Denn nur drei Partien konnte er für sich ent-
scheiden. De Vere gewann aber sieben Mal bei zwei unentschiedenen Partien. Nach diesem Ergebnis
war klar, dass ein neuer Stern die große Bühne des Schachs betreten hatte.
Nur wenig später bestätigte de Vere seinen Erfolg gegen Steinitz bei der ersten offiziellen englischen
Meisterschaft. Er belegte sensationell den ersten Platz und stand nun am Gipfel seines Könnens. Er
konnte an guten Tagen wirklich jeden Spieler der Welt schlagen. Dies zeigte er 1867, als er bei einem
kleinen Turnier in Dundee Steinitz, der in der Zwischenzeit Adolf Anderssen besiegt hatte und als
stärkster Spieler der Welt galt, auch ohne Vorgaben schlug. De Vere schien eine glänzende Karriere
bevorzustehen. Auch beruflich war er bestens versorgt als Angestellter bei Lloyd’s, einer berühmten
Versicherungsbörse. Alles schien bestens, bis ... ja, bis das Schicksal erbarmungslos zuschlug.
De Vere hatte ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu seiner Mutter. Darum traf ihn ihr plötzlicher Tod
sehr hart. Aber damit nicht genug - bei einer Untersuchung beim Arzt stellte sich heraus, dass de Vere
an Schwindsucht (Tuberkulose) litt. Diese Lungenkrankheit führt auch heute noch die Liste der töd-
lichen Infektionen auf der Welt an. Heute ist diese Krankheit durch Antibiotika behandelbar, doch
damals ... keine Chance!
Diese Schicksalsschläge warfen de Vere psychisch nieder. Seine Depressionen versuchte er durch
übermäßigen Alkoholkonsum zu lindern. Seine gesicherte Stellung bei Lloyd’s gab er auf, um die kurze
restliche Zeit seines Lebens mit dem Erbe seiner Mutter zu bestreiten.
De Vere war aber weiterhin ein gefürchteter Gegner bei den wenigen Turnieren, an denen er noch
teilnehmen konnte. In der englischen Meisterschaft 1868/69 musste er erst im Stichkampf Blackburne
den ersten Platz überlassen. Auch der geteilte 5. Platz beim Turnier in Baden-Baden 1870 stellte noch-
mals einen Achtungserfolg dar. Dort spielte er folgende Partie, die als “Valentinstags-Massaker” be-
rühmt wurde (Anspielung auf einen der Vornamen de Veres und die Kürze der Partie).
Hier die Partie zum Nachspielen.
Cecil de Vere - Louis Paulsen 1-0
1872 übernahm de Vere eine Schachspalte in einer der besten englischen Zeitungen “The Field”. Doch
nur wenig später musste er diese Tätigkeit wieder aufgeben, da er, als Alkoholiker, nur sehr unzuver-
lässig arbeitete.
Der körperliche Verfall de Veres beschleunigte sich nun immer weiter. 1874 trug er schließlich seinen
letzten Wettkampf gegen Johannes Hermann Zukertort aus, der 1886 gegen Wilhelm Steinitz um den
offiziellen Titel “Weltmeister” antrat und nur knapp verlor. De Vere unterlag mit 1 : 2.
Man muss ihm das nahende Ende angesehen haben, denn englische Schachfreunde sammelten wenig
später Geld und ermöglichten de Vere noch einen Kuraufenthalt an der Kanalküste. Doch es war zu
spät. Am 09.02.1875 starb Cecil de Vere, fünf Tage vor seinem 30. Geburtstag. Er stellt damit eine sehr
tragische Figur in der Geschichte des Schachspiels dar.